Der Taoismus

Der Taoismus ist eigentlich keine Religion im Sinne einer kirchenbildenden Kraft. Aber als älteste spirituelle Weltanschauung hat er uns heute doch noch viel zu sagen und hat viele Religionen und Philosophen inspiriert.

Der Ursprung dieser Lehre geht auf einen Mythos zurück: den Gelben Kaiser im China im 3. Jahrtausend v. Chr. Überliefert ist insbesondere das „Buch der Wandlungen (I-Ging)“, das etwa 1000 Jahre v. Chr. entstanden sein soll. Die Hauptkommentare (die sogenannten Zehn Flügel) stammen allerdings aus der Periode der Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.).

Laotse und der Tao-Te-King

Zu den größten Schätzen der Geistesgeschichte zählt zweifellos das Werk des chinesischen Philosophen Laotse, der etwa 500 v.Chr. den Tao-Te-King geschrieben haben soll. Neuere Untersuchungen gehen davon aus, dass die darin enthaltenen Theorien als Gemeinschaftswerk verschiedener Philosophen entstanden sein könnten. Das ist aber für die Bedeutung der darin enthaltenen Gedanken nebensächlich.

Über Laotse als Mensch ist sowieso nicht viel bekannt. Er soll als Archivar der kaiserlichen Bibliotheken im Staat Tschu gearbeitet haben und das Land wegen seiner Kritik am Führungsstil des Kaisers Dsching Wang verlassen haben. Entscheidend sind die 5000 Schriftzeichen (aufgeteilt auf 81 kurze Gedichte), die er vor seiner Flucht als geistiges Vermächtnis zurückgelassen hat. Sie bilden die Grundlage des Taoismus und stellen eine Weltsicht dar, die durch die moderne Wissenschaft teilweise nur mit anderen Worten beschrieben wird.

Im Tao-Te-King wird eine Wahrheit über die Welt verbreitet, die auch noch heute gilt. Das Werk über das Tao (gesprochen: Dao - übersetzt mit „Sinn“), über die eigentliche Triebkraft der Schöpfung und den Weg, der gegangen werden muss, sollte jeder kennen, da es eines der wichtigsten religiösen Werke ist, die Gott und seine Schöpfung nicht personalisiert und interpretiert, sondern eher naturwissenschaftlich nüchtern beschreibt.

Das Tao-Te-King erfüllt deshalb alle Eigenschaften, die an eine Weltreligion gestellt werden müssten, ohne auszugrenzen und ohne eine Basis für religiöse Macht und den Missbrauch dieser Macht zu bieten. Erst heute kann der wirkliche Gehalt dieser Ideen verstanden werden. Der chinesische Philosoph Laotse war also seiner Zeit weit voraus.

Die Kosmologie, die darin beschrieben wird, klingt sehr modern. Das Tao ist der namenlose Ursprung allen Seins, undifferenzierte Leere und reiner Geist: „Es gibt ein Ding, das ist unterschiedslos vollendet. Bevor der Himmel und die Erde waren, ist es schon da, so still, so einsam. Ich weiß nicht seinen Namen. Ich bezeichne es als SINN.“

Im 42.Spruch des Tao-Te-King heißt es: “Das Tao erzeugt die Eins. Die Eins erzeugt die Zwei. Die Zwei erzeugt die Drei. Die Drei erzeugt alle Dinge. Alle Dinge haben im Rücken das Dunkel (Yin) und streben nach dem Licht (Yang)“. Die aus dem Tao entspringende Kraft ist also in allen Lebewesen wirksam.

Der im eigentlichen Sinne wahre Mensch verwirklicht sich, indem er das Leben in sich zur Auswirkung kommen lässt. Nicht die Sitte, nicht Tugenden und Riten führen den Menschen dabei zur Selbstverwirklichung. Vielmehr ist es das „Nicht-Handeln (wu wei)“, die Hingabe an das Leben, das vollkommene Selbstvergessen. Diesen Aspekt hat die moderne Glücksforschung letztendlich wieder entdeckt.

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