Das Christentum

Katholische und evangelische Christen berufen sich gemeinsam auf das alte und neue Testament – eine Ansammlung verschiedener Texte aus unterschiedlichen Zeitepochen. Alle sogenannten Evangelisten haben aber ihre Geschichten nur vom Hörensagen aufgeschrieben und nicht einmal Zeitzeugen befragt. Die Ursprünge der Bibel waren immer von vielen Spekulationen umrankt. Selbst der älteste Evangelist Markus hat erst 40 Jahre nach dem Tod von Jesus Christus in Rom seine Sicht beschrieben.

Die Frage, was Legende und was Wahrheit ist, konnte nie verlässlich beantwortet werden. Die Evangelien sind also keine frühe Geschichtsschreibung, die die Wahrheit darstellen sollte, sondern Instrumente um den Glauben zu stärken.

Im 4.Jahrhundert wurde das Christentum offizielle Staatsreligion des Römischen Reiches. Damit wurde der politische Einfluss auf die Auslegung der Texte im Zusammenspiel mit der Kirchen-Aristokratie zu einer zielbestimmenden Größe. Kreuzzüge und Inquisition waren Elemente einer religiös-politisch motivierten Macht, die viele Regeln erfand, um sich selbst zu erhalten und ihren Einfluss auszudehnen.

Das Christentum geht davon aus, dass die Welt von Gott erschaffen wurde und dieser durch den „Heiligen Geist“ weiterhin Einfluss auf die Entwicklung hat („Offenbarung“). Engel werden als göttliche Boten eingesetzt, um den rechten Weg zu weisen. Das Böse in der Welt wird einem „Gefallenen Engel“ zugeschrieben, der mehrere Namen besitzt: Luzifer, Satan, Teufel etc. und die Menschen vom rechten Weg abbringen will.

Jeder Mensch soll eine einzigartige Seele besitzen, die den Tod überdauert. Eine körperliche Wiedergeburt wird aber ausgeschlossen. Der Sinn des Lebens wird in der Hinwendung zu Gott und der Abkehr vom Bösen gesehen. Die Wieder- bzw. Neuerschaffung eines geistigen Paradieses ist der Endpunkt allen Strebens.

Gott hat dem Menschen die Freiheit gegeben, den Weg zwischen Gut und Böse selbst zu bestimmen. Dadurch kam das Leiden in die Welt. Jesus soll als Gottessohn den Weg zur Erlösung aufgezeigt haben. Wie dies passieren soll, kann aber vom menschlichen Geist nicht verstanden werden. Es bleibt ein Mysterium. Das wichtigste Ziel des Christentums ist die Entwicklung der Liebe zu Gott und die selbstlose Liebe zu den Mitmenschen.

Die christlichen Kirchen unterscheiden sich in ihren Ritualen und Symbolen, um das Zugehörigkeitsgefühl zu verstärken. Diese sind teilweise erst in der geschichtlichen Entwicklung eingeführt worden und waren bei den urchristlichen Gemeinden noch nicht im Gebrauch. Markus beschrieb z. B. als Erster das Abendmahl, die Kreuzigung und Wiederauferstehung. Matthäus hat zehn Jahre später Jesus noch zum direkten Nachfolger Abrahams gemacht. Lukas hat dann 90 n. Chr. noch die rührende Weihnachtsgeschichte hinzugefügt (eine Volkszählung unter dem Kaiser Augustus hat es nicht gegeben. Auch der Geburtsort von Jesus war erfunden). Johannes hat Jesus dann um 100 n. Chr. zu dem spirituellen Endprodukt gemacht, das wir heute im Konfirmationsunterricht präsentiert bekommen.


Die Qumran-Rollen

1948 wurden östlich von Jerusalem in den Ruinen einer Siedlung einer urchristlichen Glaubensgemeinschaft noch ältere Dokumente in Qumran gefunden, die teilweise die späteren Schriften des Neuen Testaments in Frage stellen. Insgesamt ca. 800 Schriftrollen wurden in den dortigen Höhlen entdeckt. Man geht davon aus, dass die Urchristen diese Texte vor dem Jahre 68 n. Chr. vor den Römern versteckt haben, bevor diese die rebellierenden Städte zerstörten.

Die Qumran-Rollen sind in mehreren Jahrzehnten von katholischen Gelehrten um den Pater Roland de Vaux nur zum Teil entziffert und veröffentlicht worden. Erst als der Direktor der kalifornischen Huntington-Bibliothek in den 80er Jahren Mikrofilme von den Rollen veröffentlichte, hörte die Geheimniskrämerei auf und auch nicht autorisierte Forscher konnten sich mit den Inhalten beschäftigen. Das Ergebnis dieser Forschungen dürfte die evangelische und katholische Kirche nicht freuen: Für die Existenz eines „Sohn Gottes“, der sich aufgeopfert haben soll, gibt es keinen Beleg.

Die Qumran-Dokumente belegen aber einen Glaubenskampf zwischen den Urchristen wie Jakobus, der als „Lehrer der Gerechtigkeit“ verehrt wurde, und den abtrünnigen Priestern wie Paulus und Ananas, die vom Römischen Reich unterstützt worden sind. Jesus wird in den Texten nicht erwähnt. Vielleicht hat er aber als Prophet des Urchristentums mehrere Jahrhunderte vorher als jüdischer Priester gelebt.

Jesus scheint also nicht der wahre Schöpfer des Christentums zu sein, sondern wahrscheinlich nur eine Legende. Kein zeitgenössischer Geschichtsschreiber hat ihn erwähnt. Tatsache ist aber: Wenn es die Legende des Gottessohns nicht gegeben hätte (angeblich hat Paulus diese Version erfunden), wäre die Christengemeinde wahrscheinlich längst ausgestorben. Auch die später gefundenen „Beweise“ für die Existenz Jesu haben sich als Legenden entpuppt: Das „Turiner Grabtuch“ und der Sperr, mit dem ein römischer Soldat getestet haben soll, ob Jesus tot ist. Diese Reliquien werden aber trotzdem weiter verehrt und zur Schau gestellt.

Die Botschaft Jesu

Auch wenn die Person Jesus historisch nicht genau zu belegen ist, dann gibt es vielleicht aber doch eine klare Botschaft. Bibelforschern ist nämlich aufgefallen, dass Matthäus und Lukas mehrere gleichlautende Zitate von Jesus verwendet haben. Hier schloss man dann auf die mysteriöse „Quelle Q“, einem authentischen Text von einfachen Basisaussagen, von dem vielleicht beide abgeschrieben haben. Der Bibelforscher Burton Mack hat diese Grundaussagen herausgearbeitet. Danach lassen sich die Vorstellungen des Predigers Jesu auf folgende Kernsätze reduzieren:

Dies wäre aber eher dem Gedankengut eines armen Wanderpredigers zuzuordnen, der Elemente aus der Kyniker-Schule des Diogenes entliehen hat. Diogenes hatte die Geisteshaltung der Selbstgenügsamkeit schon um 350 v. Chr. entwickelt. Eine der berühmten Kyniker-Schulen existierte zu Zeiten von Jesus Christus in Gadara etwa 40 km westlich von Nazaret. Vielleicht hat Jesus da seine ursprünglichen Ideen aufgenommen. Mit den wahren Urchristen hätte er dann aber nichts zu tun gehabt. Das Alte Testament hat er eventuell gar nicht gekannt.

Hier zeigt sich, dass das Christentum ein Legitimationsproblem hat. Vor diesem Hintergrund sind die klassischen Streitpunkte zwischen der katholischen und protestantischen Kirche (Abendmahl, Papst, Zölibat, Frauenordination) eigentlich eher marginal. Diese Kirchen müssten sich jetzt eigentlich neu erfinden, da der Glaube an Christus als Sohn Gottes und Erlöser der Menschheit heute als Legendenbildung beschrieben werden muss.

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